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Die Sonntagsfrage – Erstellung von Wahlprognosen

14 März 2005 6 Comments

Bei jeder Bundestagswahl hat Wahlforschung Konjunktur. Umfragen, Projektionen, Prognosen und Hochrechnungen sind ihre Instrumente. Die Datenbasis der Stimmungsbilder, wie sie einige Fernsehanstalten, Zeitungen oder Zeitschriften meist monatlich vorlegen, sind Meinungsumfragen. Im Zentrum steht hier immer die so genannte Sonntagsfrage – ergänzt durch viele weitere Daten über die Einstellung der Befragten zum politischen Betrieb.

INFO: Bundestagstagswahl 2005

Wahlprognosen 2005 zur vorgezogenen Bundestagswahl werden täglich aktualisiert auf wahl2005.net veröffentlicht.

Für alle Umfragen gilt: Befragt wird immer nur ein kleiner Ausschnitt, der Rückschlüsse auf die gesamte Bevölkerung zulassen soll. Das ist die so genannte Stichprobe: eine nach bestimmten Verfahren ausgewählte kleine Zahl von Menschen, die ein verkleinertes Abbild der Bevölkerung insgesamt ist. Wenn dieses Auswahlverfahren funktioniert, sind die Antworten dieser Gruppe repräsentativ für alle Deutschen – innerhalb statistisch berechenbarer Fehlerquoten.

Um diese Repräsentativität zu sichern, benutzen die Forschungsinstitute Stichprobenverfahren. Sollen die Menschen in persönlichen Interviews (face-to-face) befragt werden, wählt man einzelne Wahlbezirke und darin einzelne Haushalte nach dem Zufallsprinzip aus. Für Telefonumfragen, heute die Regel, werden die Beteiligten nach Telefonnummern aus den Telefonverzeichnissen gezogen. Spezielle Verfahren stellen sicher, dass auch Haushalte hineinkommen können, die nicht im Telefonbuch stehen. Bei beiden Vorgehensweisen wird dann eine Befragungsperson im Haushalt zufällig ausgewählt.

Schwieriger ist es, die ermittelte Stichprobe richtig auszuschöpfen. Die Frage, wieviele der zufällig ausgewählten Personen tatsächlich befragt werden (Ausschöpfungsquote), ist wichtiger für die Qualität des Ergebnisses als die Größe der Stichprobe. Leute, die nicht erreicht werden oder nicht mitmachen wollen, senken die Repräsentativität. Hunderte von gut geschulten Interviewerinnen und Interviewern müssen sich beharrlich bemühen, um die Ausfälle klein zu halten. Das ist teuer, aber wichtig, denn Verzerrungen lassen sich mathematisch nur zum Teil korrigieren.

Es gibt nicht viele spezialisierte politische Umfragen in Deutschland. Am bekanntesten ist das ZDF-Politbarometer, das monatlich ausschließlich politische und gesellschaftlich relevante Fragen stellt.

Sonntagsfrage

Die “Sonntagsfrage” ist ein Messinstrument für die politische Stimmung. Je näher die Wahl rückt, desto tauglicher wird sie als erste Annäherung an die Vorhersage des Wahlergebnisses. Mit dieser Frage sind jedoch einige Probleme verbunden:

  • Sie ist hypothetisch, denn am nächsten Sonntag ist keine Wahl.
  • Die Wahlabsichtsfrage misst fast immer eine zu hohe Wahlbeteiligung, da viele Menschen sich nicht zur Absicht der Wahlenthaltung bekennen mögen. Verzerrungen der Parteianteile sind die Folge.
  • Die Sonntagsfrage ist weitgehend standardisiert, trotzdem bringen auch geringfügig abweichende Formulierungen verschiedener Institute unterschiedliche Antworten.

Zusammen mit einem Stichprobenfehler oder einer etwas zu niedrigen Ausschöpfungsquote kann das bereits massive Auswirkungen auf die Prognose haben.

Hinzu kommt das Problem der Gewichtung, die zur Auswertung notwendig ist. Gewichtung meint, dass die Antwort der einzelnen Befragten ein unterschiedliches Gewicht erhält. Dazu wird sie zum Beispiel mit dem Faktor 1,2 oder 0,9 multipliziert. Drei Gewichtungsverfahren sind üblich:

  • Die Transformationsgewichtung sorgt für einen stichprobentechnisch sinnvollen Chancenausgleich. Wer in einem kleinen Haushalt lebt, hat statistisch eine bessere Chance, befragt zu werden, als das Mitglied eines großen Haushalts. Eine Transformationsgewichtung soll dies rechnerisch ausgleichen.
  • Die sozialstrukturelle Gewichtung rechnet soziale Gruppen auf die nach den Vorgaben des Statistischen Bundesamtes richtige Gruppenstärke hoch oder herunter. Sind in der Stichprobe 100 Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren vertreten, und es müssten nach ihrem Bevölkerungsanteil eigentlich 120 sein, multipliziert man jede dieser Frauen mit dem Faktor 1,20. Je größer die Abweichungen, desto problematischer ist die Korrektur. Ausgefallene Personen einer Gruppe werden durch erreichte Personen derselben Gruppe ersetzt. Junge Frauen, die ständig unterwegs sind oder ein Interview ablehnen, können sich aber auch in anderer Beziehung von Gleichaltrigen unterscheiden, die der Interviewer mühelos zu Hause antrifft.
  • Die recall-Gewichtung von Umfragedaten ist eine politische Gewichtung, um Antwortverzerrungen zu korrigieren und zu korrekteren Parteianteilen zu gelangen. Ausgangspunkt dieser Gewichtung ist der recall, das heißt die Rückerinnerung an das Wahlverhalten bei der letzten Bundestagswahl. Dann werden die Zahlen der Parteianhänger den tatsächlichen Parteistärken bei der letzten Wahl angepasst. Die Antworten auf diese Rückerinnerungsfrage weichen allerdings oft vom tatsächlichen Wahlergebnis ab. Viele Menschen erinnern sich nicht genau, welche Partei sie gewählt haben, andere möchten nichts sagen oder machen falsche Angaben. Deshalb ist es umstritten, einen gesamten Datensatz auf der Basis solcher Antworten zu gewichten.

Wahlprognosen allein auf Basis der Sonntagsfrage zu treffen, ist sehr gewagt – da braucht es zusätzliche langfristig erhobene Daten und Vergleiche. In spezialisierten politischen Umfragen geht die Wahlforschung sehr detailliert den Motiven nach, die hinter Wahlentscheidungen stehen. Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen und des öffentlichen Interesses stehen ja nicht nur die auszählbaren Wahlergebnisse, sondern auch die vorausgegangenen Meinungsbildungsprozesse sowie längerfristige Verschiebungen. Hierzu untersucht die Wahlforschung alle individuellen und gruppenspezifischen Faktoren, die Einfluss auf die Wahlentscheidung der Wählerinnen und Wähler nehmen.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung
Aktuelle Prognosen: wahlrecht.de – Umfragen zur Bundestagswahl (Sontagsfrage)

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